DIE ARENA – Stephen King

Wie viele Werke des Meisters ist auch „Die Arena“ schon ein etwas beängstigender – wenn auch nicht sein dickster – Wälzer mit knapp 1300 Seiten… Und da bekanntlich geteiltes Leid halbes Leid ist, habe ich mich zusammen mit drei weiteren Mädels in einer Lesegruppe zusammengetan. Eine war sofort angefixt und konnte gar nicht mehr aufhören, eine zweite hat kurz vor der Hälfte aufgegeben. Bei mir ist es schließlich der goldene Mittelweg geworden und ich habe mich im Urlaub ganz gemütlich durch die Seiten gearbeitet. Denn was passt besser zusammen als bei strahlendem Sonnenschein und einem kühlen Radler an der kroatischen Adriaküste zu liegen und einen King zu schmökern?! Richtig. ALLES passt besser zusammen als das – aber Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an. 🙂

 

Originaltitel: „Under the Dome“

Verlag: Heyne Verlag (11. Auflage; 2011)

Erscheinungsjahr: 2009

Seitenzahl: 1277

Reihe: –

 

 

 

Inhalt

Eines schönen Herbsttages kracht es gewaltig an den Grenzen der amerikanischen Kleinstadt Chester’s Mill: eine unsichtbare Glaskuppel senkt sich über die gesamte Stadt und ihre Bewohner sehen sich plötzlich komplett von der Außenwelt abgeschnitten – gefangen in einem mysteriösen Kraftfeld, wie in einer Schneekugel. Nur ohne Schnee, aber auch ohne Nachschub an Lebensmitteln, Brennstoff, Wasser und Frischluft. Der zweite Stadtverordnete Big Jim Rennie sieht seine Chance gekommen, die „Herrschaft“ über die Stadt an sich zu reißen, denn Bürger/innen in Not brauchen schließlich einen starken Führer, der sie durch eine solche Krise begleitet – auch wenn dies bedeutet, dass die Gesetzgebung etwas angepasst werden muss. Während Rennie nebenbei akribisch versucht, den Dreck zu vertuschen, den er selbst am Stecken hat, versuchen andere, dem „Dome“ auf den Grund zu gehen…

Meine Gedanken

In Chester’s Mill, von dem am Anfang des Buches eine Landkarte zur besseren Orientierung zu finden ist, bewegt sich der Autor auf seinem gewohnten Kleinstadt-Terrain in Maine und für den King-Fan fühlt es sich an wie „Nachhausekommen“. Es werden zahlreiche Charaktere eingeführt, die völlig unterschiedliche Wesenszüge haben und der neuen Situation auf ebenso unterschiedliche Weise begegnen – ein Mix eben wie in einer realen Kleinstadt. Die vielen parallelen Geschichten, Blickwinkel und Einzelschicksale machen das Buch abwechslungsreich und sorgen für ständige „Mini-Cliffhanger“ innerhalb des großen Ganzen. Trotz der vielen Figuren verliert man den Überblick nicht (das Personenverzeichnis ist gerade zu Beginn manchmal hilfreich), mit dem ein oder anderen sollte man sich allerdings nicht allzu sehr anfreunden, denn man weiß nie, wie lange (oder kurz) man ihn begleiten darf. 😉

Was meine Lesefreude etwas getrübt hat, war die Tatsache, dass ich mich bis zum letzten Drittel im „Wartemodus“ befand. Ich habe darauf gewartet, dass das passiert, von was man automatisch ausgeht, wenn Menschen auf begrenztem Raum zusammengepfercht sind und keine Aussicht auf Ressourcen-Nachschub haben: Ausschreitungen, Chaos, Gier, Neid und Missgunst, Menschen beginnen damit, ihre Haustiere zu grillen und zu verspeisen – etwas in der Art… Wenn man „Die Arena“ zur Hand nimmt, sollte man sich schon vorher bewusst sein, dass die Geschichte in eine völlig andere Richtung geht. Da nämlich lediglich ein Zeitraum von einer Woche betrachtet wird, kommt es erst gar nicht zu solchen Zuständen. Der Dome hat in dieser kurzen Zeitspanne (zunächst noch) kaum existentielle, sondern fast ausschließlich politische Auswirkungen, die darüber hinaus teilweise nur indirekt etwas mit dem Auftauchen der Kuppel zu tun haben. Wir werden konfrontiert mit Machtmissbrauch, Intrigen, Polizeigewalt und Selbstjustiz – ein Chaos der etwas anderen Art und gleichzeitig ein Seitenhieb auf die damalige Regierung unter Präsident Bush.

Auch wenn zunächst noch keine akuten Folgen sicht- und spürbar sind, war das Handeln der Menschen in Chester’s Mill für mich oft nicht nachvollziehbar, und zwar sowohl bezogen auf die (nicht besonders schlauen) Aktionen einzelner Figuren („WIE blöd kann man sein?!“) als auch auf die Bevölkerung als Ganzes. Stellenweise hat man den Eindruck, die Eingeschlossenen nehmen ihre Situation etwas zu gelassen hin und gehen soweit möglich, stillschweigend ihren üblichen Alltagsbeschäftigungen nach. Panik wird höchstens künstlich erzeugt. Wie wir ja selbst in unserer eigenen Krise in den letzten Monaten erleben durften, verhalten sich Menschen in der Realität beinahe ausnahmslos ziemlich schnell ziemlich merkwürdig, wenn auch nur die kleinste Aussicht auf mögliche Einschränkungen besteht.

Der Schreibstil ist typisch King, wenn er auch dieses Mal auf seine geliebten Zeitsprünge größtenteils verzichtet. Die Dialoge sind gut, die kurzen Kapitel immer wieder aufgelockert durch verschiedene kreative Einschübe, Wechsel des Erzählers (mein Lieblingskapitel ist das aus der Sicht des verfressenen Hundes Horace), und so weiter. Der Mann kann einfach schreiben, daran ist nicht zu rütteln – und einen Leser über knapp 1300 Seiten lang am Ball bleiben zu lassen, ist allein schon ein Talent. Auch seine Begabung, menschliches Agieren in Extremsituationen und damit auch menschliche Grausamkeiten darzustellen, hat er wieder einmal voll ausgeschöpft. Die Versinnbildlichung menschlichen Entsetzens, die er üblicherweise ebenfalls sehr gut beherrscht, hat mir dieses Mal allerdings ein klein wenig gefehlt, sodass es mir schwerer fiel, mich in die Figuren hineinzuversetzen.

Fazit

Die Grundidee der Geschichte ist spannend und originell, aus der daraus resultierenden Situation und auch der Auflösung am Ende hätte man allerdings noch etwas mehr herausholen können. Dank des „King-Stils“ kommt man gut durch die Seiten, die intensiven (Kritiker würden sagen: langatmigen) Einblicke in eine komplette Kleinstadt samt (gefühlt) all ihrer Einwohner muss man allerdings schon mögen. Auch wenn „Die Arena“ nicht zu Stephen Kings allerbesten Werken gehört, kommen eingefleischte Fans nicht daran vorbei.

 

Eine Frage an das Buch: Wie entstand die Roman-Idee zu „Under the Dome“?

Bereits im Jahre 1978, also mehr als ein Vierteljahrhundert bevor „Die Arena“ das Licht der Welt erblickte, startete Stephen King einen ersten Versuch, die Grundidee zu „Under the Dome“ zu Papier zu bringen – unglücklicherweise ging das etwa 70-seitige Manuskript verloren.

Drei Jahre später arbeitete King an einer Story über Menschen, die gemeinsam in einem Wohnhaus eingeschlossen werden. Er selbst war der Meinung (und schlägt damit in eine ähnliche Kerbe wie meine Erwartungen an „Die Arena“): „Wäre es nicht witzig, wenn diese Menschen sich letzten Endes alle gegenseitig essen würden?“. Folgerichtig bekam diese Story-Vorlage den Titel „Die Kannibalen“ und diente als Inspiration für den Roman rund um die Glaskuppel über Chester’s Mill. Die Handlung der beiden Geschichten unterscheidet sich letzten Endes stark, wenn auch die Grundfrage dieselbe bleibt: Wie verhalten sich Menschen, wenn sie von der Gesellschaft, der sie sich immer zugehörig gefühlt hatten, abgeschnitten werden?

Leider wurde die Kannibalen-Urversion nur zum Teil online veröffentlicht – sozusagen als Appetitmacher auf „Die Arena“ -, aber nie zu Ende geschrieben. Vielleicht wird das ja irgendwann noch was, Herr King. 🙂

 

Meine Tipps

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