DIE PÄPSTIN – Donna W. Cross

Als willkommener Beifang in einem Tauschticket-Bücherpaket durfte im vergangen Jahr „Die Päpstin“ auf meinem SuB einziehen. Da ich ohnehin vorhatte, mir das gleichnamige Musical im Festspielhaus Füssen anzusehen, landete dieser historische Roman auch gleich recht weit oben im „want to read“. Als sich abzeichnete, dass es mit den Vorführungen 2020 wohl eher nichts werden wird, ist er zunächst ein wenig in Vergessenheit geraten und als letztes angefangenes Buch 2020 dann schließlich doch noch im Rahmen einer Leserunde in der Facebook-Gruppe Durchs Lesen verbunden zum Zug gekommen.

Originaltitel: „Pope Joan“

Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag (37. Auflage, 2002)

Erscheinungsjahr: 1996

Seitenzahl: 555

Reihe: –

Inhalt

An einem rauen Wintertag des 9. Jahrhunderts kommt im Frankenreich ein Mädchen zur Welt: Johanna. Sie entwickelt sich zu einem intelligenten und äußerst wissbegierigen Kind – sehr zum Leidwesen ihres strenggläubigen Vaters, der ein glühender Anhänger des damaligen Bildes der Frau als das minderbemittelte Geschlecht ist. Johanna kämpft und bringt große Opfer, um ihr Wissen stetig zu erweitern und allen Widrigkeiten zum Trotz an einer Domschule aufgenommen zu werden. Sie wird dort zum Schützling des Markgrafen Gerold, zu dem sie ein ganz besonders inniges Verhältnis entwickelt.

Als ihr Bruder im Kampf stirbt, ergreift sie die Chance, nimmt dessen Identität an und tritt an seiner statt unter dem Namen Johannes Anglicus ins Kloster zu Fulda ein. Dort erhält sie eine fundierte medizinische Ausbildung und sogar die Priesterwürde. Eine schwere Erkrankung droht, ihr wahres Geschlecht aufzudecken und Johanna muss fliehen. Das Ziel ihrer Reise: die heilige Stadt Rom.

Johanna wird Leibarzt des Papstes und muss inmitten von Machtspielen und Intrigen innerhalb der katholischen Kirche sowie Schlachten rund um die Stadt Rom um ihr Leben bangen…

Meine Gedanken

Der Roman „Die Päpstin“ zeichnet sich durch eine flüssige Erzählweise aus und weist einen alles andere als schleppenden Handlungsverlauf auf. Die Spannung wird nicht durchgehend gehalten (bei einem historisch-religiösen Setting und dazu der Dicke des Buches habe ich das auch nicht erwartet), aber es kommen in regelmäßigen Abständen Abschnitte, die einen wieder in die Geschichte hineinreißen.

Die romantische Geschichte rund um Johanna und Markgraf Gerold war nicht „krampfhaft“ in die Haupthandlung gebastelt und daher auch nicht fehl am Platz, ich persönlich habe sie jedoch eher als „schmückendes Beiwerk“ empfunden. Viel interessanter waren für mich die geschichtlichen Hintergründe, die laut Nachwort der Autorin im Großen und Ganzen historisch korrekt erzählt werden, sowie die Nebenhandlungen wie z.B. die Arten der Rechtsprechung, was die Menschen damals als Freizeitunterhaltung empfunden haben, das damalige Frauen- und Männerbild, usw.

Viele anschauliche Beispiele, wie hart und gnadenlos die Zeit um das 9. Jahrhundert gewesen sein muss, vor allem was die Stellung der Frau in dieser damals ausschließlich männerdominierten Gesellschaft anbelangt, lassen einen buchstäblich beim Lesen den Kopf schütteln. Es ist erschreckend, wie wenig wert Frauen waren, wie sie lediglich als Besitz des Mannes galten und überhaupt keine Chance hatten, über ihr eigenes Leben zu entscheiden, geschweige denn sich selbst zu verwirklichen. Viel erschreckender in meinen Augen ist jedoch die Tatsache, dass sich dieses Denken 1200 Jahre später immer noch in verschiedenen Gesellschaften auf der ganzen Welt in mehr oder weniger ausgeprägter Form hartnäckig hält.

Nicht zuletzt bekommt der Leser im Laufe der Geschichte einen interessanten und erhellenden Einblick in die Intrigenwelt der katholischen Kirche. Alles, was passiert, wird auf Gottes Willen geschoben und positive wie negative Reaktionen der Menschen damit gerechtfertigt. Das Buch macht auf jeden Fall neugierig darauf, sich weiterführend damit zu beschäftigen, welchen Dreck die Kirche noch so am Stecken hat – Stichwort Kreuzzüge, Zwangsmissionierungen und ähnliches.

Der letzte Teil des Buches war für meinen Geschmack dann doch etwas zu sehr angefüllt mit Themen rund um Kirche, Gott und Gebet, was den Lesefluss gegen Ende etwas beeinträchtigt hat. Es werden einige Amtszeiten verschiedener männlicher Päpste durchgekaut, bevor man schließlich (meiner Meinung nach zu spät) etwas über das Wirken der weiblichen Päpstin erfährt.

Fazit

Eine geschichtlich spannende und aufschlussreiche Erzählung über eine mysteriöse und einzigartige Frauenfigur innerhalb der katholischen Kirche – aufbereitet in einem flüssig zu lesenden historischen Roman.

Eine Frage an das Buch: Hat es wirklich eine Päpstin in der geschichte der katholischen Kirche gegeben?

Die Anmerkungen der Autorin Donna W. Cross am Ende ihres Romans beschäftigen sich unter anderem mit genau dieser Frage: Reale historische Figur oder reine Legende?

Vom 9. bis ins 17. Jahrhundert sei Johannas Pontifikat allgemeint bekannt und als historische Wahrheit akzeptiert worden. Anschließend sei seitens der katholischen Kirche sehr viel Energie darauf verwendet worden, entsprechende historische Unterlagen zu vernichten, sodass sie sich heute auf das Fehlen glaubwürdiger schriftlicher Belege über eine angebliche weibliche Päpstin berufen kann. Außerdem hätte es keine ausreichend große Lücke zwischen Papst Leo IV. und Papst Benedikt III. für ein zusätzliches Pontifikat gegeben, so ein weiteres Argument gegen die Existenz eines weiblichen Kirchenoberhaupts.

Es existiert eine Version des Liber Pontificalis, einer fortlaufenden Liste aller Päpste, in die Johanna nachträglich eingefügt worden ist. Doch wann genau und von wem und ob dies seine Richtigkeit hat, sei bis heute nur unzureichend untersucht worden.

Was das zweite Gegenargument betrifft, könne laut Donna W. Cross nach sorgfältiger Überprüfung früherer päpstlicher Dokumente nicht ausgeschlossen werden, dass der Todestag Leos IV. in schriftlichen Aufzeichnungen einfach zwei Jahre nach hinten verlegt wurde, um den Eindruck zu vermitteln, Benedikt III. sei dessen direkter Nachfolger gewesen.

Ein Argument für das Pontifikat Johannas sei die sogenannte „Sesselüberprüfung“, die ab der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts Voraussetzung für die Besteigung des Papstthrones gewesen sein soll. Jeder neu gewählte Papst hätte sich auf einen Sessel setzen müssen, in dessen Mitte sich eine Öffnung ähnlich einer Toilette befand. Es wäre eine Untersuchung der Genitalien gefolgt um sicherzustellen, dass es sich tatsächlich um einen Mann handelte. Dieser Stuhl existiert noch heute in Rom – sei aber laut katholischer Kirche nur seines schönen Äußeren wegen bei der Papstwahl eingesetzt worden, die offene Sitzfläche hätte keinerlei Bedeutung.

Soviel zu den Erkenntnissen von Donna W. Cross. Doch was sagt die Wissenschaft?

Vom Standpunkt der seriösen Geschichtswissenschaft aus betrachtet gebe es in der Tat keine einzige zeitgenössische Quelle und damit keinerlei Beweis dafür, dass es Päpstin Johanna wirklich gegeben hat. Anhand von Münzen könne nachgewiesen werden, in welchem Zeitraum welcher Papst genau im Amt war – auch hier keine Spur eines Pontifikats zwischen Leo und Benedikt. Stichhaltige Belege, dass tatsächlich ein Männlichkeitstest bei der Papstwahl durchgeführt wurde, gebe es ebenfalls nicht. Bei dem Möbelstück handle es sich um einen spätantiken Toilettenstuhl, alles andere entspringe der Fantasie der Römer – die „Sesselüberprüfung“ also nichts weiter als eine Folgelegende.

Ob nun Donna W. Cross bewusst oder unbewusst Verschwörungstheorien verbreitet oder ob die katholische Kirche tatsächlich ein dunkles Kapitel ihrer Vergangenheit vertuschen will, vielleicht erleben wir ja in Zukunft noch eine Entwicklung der Kirche hin zur Gleichberechtigung der Frau…

Buchtipp

Wer noch nicht genug von der Legende rund um Johanna hat, dem sei eine Art Fortsetzung, nämlich „Das Erbe der Päpstin“ von Helga Glaesener, ans Herz gelegt, welche im Herbst 2020 erschienen ist. Darin wird die Geschichte von Markgraf Gerolds Enkelin Freya erzählt, die die Morde an Gerold und Johanna untersucht und sich dabei selbst den ein oder anderen Feind macht.

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